Fantasy · Orte

Die Hexe des Waldes

Wo ein realer Ort zum Ausgangspunkt einer erfundenen Welt wird.

Tinte Aquarell Buntstifte Büttenpapier 2025
Die Hexe des Waldes – Tinte, Aquarell und Buntstifte von Sketchory.Berlin, 2025

Auch in meinen Fantasy-Arbeiten greife ich gern reale Orte und Naturformen auf. Bei Die Hexe des Waldes habe ich nicht einen einzelnen Baum gezeichnet, sondern zwei sehr unterschiedliche reale Vorbilder miteinander verbunden: die sogenannte Hexenlinde an der Ruine der Lauenburg im Harz und den Tree of Life im Audubon Park in New Orleans.

Die Hexenlinde wächst mitten in den Mauerresten der Großen Lauenburg bei Stecklenberg. Besonders faszinierend sind ihre Wurzeln, die sich über und durch das alte Mauerwerk ziehen und einen historischen Torbereich überspannen. Genau diese Verbindung aus Baum, Ruine und Durchgang bildet die Grundlage für die steinernen Bögen und verwachsenen Räume meiner Waldhexen-Behausung.

Für die weit ausladenden, knorrigen Äste habe ich mich zusätzlich am Tree of Life in New Orleans orientiert. Dieser mächtige Baum ist eine alte Virginia-Eiche (Quercus virginiana), auch Étienne-de-Boré-Eiche genannt. Seine tief herabhängenden, weit ausgreifenden Äste geben ihm eine fast märchenhafte Silhouette – genau die Wirkung, die ich für den Baum meiner Hexe gesucht habe.

Zwei reale Bäume, zwei sehr unterschiedliche Orte – im Bild wachsen sie zu einem einzigen fantastischen Lebensraum zusammen.

Auch die langen, fadenartigen Gebilde, die von den Ästen herabhängen, haben ein reales Vorbild aus Louisiana: Spanish Moss beziehungsweise Louisianamoos (Tillandsia usneoides). Trotz seines Namens ist es kein echtes Moos, sondern eine epiphytische Pflanze aus der Familie der Bromeliengewächse. Sie sitzt auf Ästen, entzieht dem Baum aber keine Nährstoffe wie ein Parasit, sondern nimmt Feuchtigkeit und Nährstoffe aus der Luft und aus Niederschlägen auf. In New Orleans prägt dieses silbrig-graue, herabhängende Geflecht das charakteristische Erscheinungsbild vieler alter Live Oaks.

Aus diesen realen Elementen entstand schließlich etwas Eigenes: Die Wurzeln und Ruinen der Lauenburg wurden zu Toren und Kammern, die weit gespannten Äste des Tree of Life zu einem schützenden Dach, und das Spanish Moss verwandelte sich in fast vorhangartige Strukturen. Raben beobachten das Geschehen, warmes Licht scheint aus den Öffnungen, und die Hexe kehrt durch den Wald nach Hause zurück.

Genau dieser Übergang zwischen Beobachtung und Fantasie fasziniert mich: Der reale Ort bleibt im fertigen Bild spürbar, wird aber Teil einer Welt, die nur in dieser Geschichte existieren kann.

Reale Vorbilder im Bild

Hexenlinde · Ruine Lauenburg, Harz

Eine alte Linde in den Ruinen der Großen Lauenburg bei Stecklenberg. Ihre Wurzeln wachsen über das historische Mauerwerk und den ehemaligen Torbereich – die Inspiration für die verwachsenen Stein- und Wurzelstrukturen im Bild.

Tree of Life · Audubon Park, New Orleans

Eine monumentale Virginia-Eiche (Quercus virginiana), auch Étienne-de-Boré-Eiche genannt. Ihre ausladenden, tief herabreichenden Äste lieferten die Vorlage für die mächtige Baumkrone der Waldhexe.

Spanish Moss · Tillandsia usneoides

Kein echtes Moos, sondern eine epiphytische Bromelie. Sie hängt in langen, silbrig-grauen Strähnen von Ästen und nimmt Wasser und Nährstoffe aus der Umgebung auf, ohne den Trägerbaum zu parasitieren.